Yoga-Philosophie

Kleshas und Duhkha - der Weg in die Freiheit

Im Yoga kennen wir das Konzept von Duhkha, das man grob als Leid, Kummer, Unzufriedenheit oder auch Enge beschreiben kann. Einer der Hauptgründe, warum wir Yoga üben, ist das Duhkha zu reduzieren oder zukünftig zu vermeiden, um glücklicher leben zu können. Aber wie entsteht Duhkha überhaupt? Woher kommt es, dass wir immer wieder, oft selbst verschuldet und sehenden Auges, in die Fallen des Lebens tappen, uns niedergeschlagen und manchmal sogar depressiv fühlen? Die Yogaphilosophie des Patanjali bietet in der alten Schrift des „Yogasutra“ eine Antwort. Nach Patanjali sind es die Kleshas, die tief im Menschen verwurzelten Triebe, die uns leiden lassen oder vorhandenes Leid verstärken. Diese fünf Kleshas sind

  1. Avidya (falsches Verstehen, Unwissenheit)

  2. Asmita (Ich-Bezogenheit, Egoismus)

  3. Raga (Gier, blinde Zuneigung)

  4. Dvesha (Abneigung, Hass, Vorurteile)

  5. Abhinivesha (Angst, Festhalten am Leben)

Avidya – die Unwissenheit – schafft leiden, weil sie uns falsches für richtig halten lässt. Es geht dabei um die falsche Wahrnehmung von Tatsachen, die wir für absolut richtig erachten. Avidya legt sich wie ein Schleier über unsere Wahrnehmung. Dadurch wird unser Handeln beeinflusst und die anderen vier Kleshas können entstehen. Wir sind also nicht frei in unseren Entscheidungen, weil wir nicht klar sehen. Avidya, dieser Irrtum, ist sozusagen die „Mutter“ aller Kleshas. Denn wenn wir die Dinge einfach so wahrnehmen, wie sie sind, gibt es keinen Grund für Egoismus, Gier, Abneigung bzw. Hass oder Ängste. Avidya lässt uns Wesentliches mit Unwesentlichem, Reines mit Unreinem, Gutes mit Schlechtem und Vergängliches mit Ewigem verwechseln. Es handelt sich um eine Täuschung, von der wir im festen Glauben sind, es sei die Wahrheit.

 

Kleine Beispiele aus dem Alltag gefällig?

Der Nachbar grüßt nicht. Daraus kann ich den Schluss ziehen, dass er eine Abneigung gegen mich hat, ich vielleicht in der letzten Zeit etwas Falsches gesagt oder getan habe. Ich fange an zu überlegen, was das gewesen sein könnte, mir fällt nichts ein. Ich werde sauer auf ihn, weil ich keinen Grund für sein Verhalten erkennen kann. Daraufhin grüße ich ihn auch nicht mehr. Aus einer kleinen Begegnung kann so ein schlechtes nachbarschaftliches Verhältnis entstehen. Vielleicht war der Grund für das Verhalten des Nachbarn ganz banal. Vielleicht war er nur unaufmerksam oder hat mich nicht erkannt. Vielleicht hatte er seine Brille nicht auf oder war mit den Gedanken woanders. Avidya beeinflusst nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unser Handeln. Aus diesem Handeln, das auf einem Irrtum beruht, entsteht Duhkha.

 

„Immer ich!“ ist die Grundeinstellung bei Asmita, der Ich-Bezogenheit. Hier identifiziere ich mich komplett mit meinem Körper, meinen Stimmungen oder Gefühlen. Das führt entweder zu Unter- oder Überschätzung des Selbst. „Ich kann das nicht“ oder „Nur ich kann es“. Minderwertigkeitsgefühle oder Arroganz bzw. Ignoranz können die Folgen sein. Und diese schaffen Duhkha.

 

Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass Schokolade gut schmeckt. Diese angenehme Erfahrung, das schöne Gefühl lässt mich mehr davon wollen. Das ist Raga, das drängende Verlangen. Glücksgefühle führen allerdings nach Patanjali zu Anhaftung, die kein Ende hat. Denn wir wollen ja immer mehr. Und das mündet, man ahnt es schon, in Duhkha. Im Beispiel von Schokolade sind die negativen Folgen bekannt, aber das Ganze lässt sich natürlich auf jede Art von Konsumverhalten (Stichwort: Sucht) oder auch auf das zwischenmenschliche Miteinander (Stichwort: Stalking) übertragen. Die Gier nach Glück führt nicht zum Glück!

 

Wenn ich einmal eine schlechte Erfahrung mit Hunden einer bestimmten Rasse gemacht habe, vielleicht einmal gebissen worden bin, habe ich eine Abneigung gegen diese Rasse entwickelt. Ich mag solche Hunde einfach nicht mehr. Ich behandle sie und im Zweifel auch ihre Herrchen/Frauchen schlechter, als andere, wenn sie mir auf der Straße begegnen. Außerdem halte ich Abstand, damit mir das nicht nochmal passiert. Das ist Dvesha. Auch wenn gerade der liebste Hund der Welt vor mir stünde, würde ich es nicht mitbekommen. Denn ich kann diesem Hund nicht unvoreingenommen und frei von alten Vorstellungen begegnen. Dvesha ist auch in Bezug auf die Flüchtlingskrise ein sehr „aktuelles“ Klesha, das zu vielerlei Leid führt.

 

Abhinivesha ist der Überbegriff für Ängste aller Art, die letztlich alle ihren Ursprung in der Todesangst haben. Zweifel, Ungewissheit, Panik sind die Begleiter dieser Ängste, die es zu überwinden gilt. Die Angst vor der ungewissen Zukunft: Jeder Mensch hat sie, sie ist sozusagen Teil unserer DNA. Auch wenn die Vergänglichkeit von allem, auch vom eigenen Leben, eigentlich jedem bewusst sein sollte, so ist die Furcht davor sehr tief verwurzelt. Handlungen, die auf Angst basieren, sind in der Regel nicht gut für uns und führen selten zum Ziel. Wie singt Bodo Wartke so schön „Wer weiß schon, was die Zukunft bringt, wenn Du auch um sie bangst. Tu was du tust aus Liebe, tu es nicht aus Angst“.

 

Ziel der Yogapraxis ist es, diese Triebe - die Kleshas - „abzuhobeln“. Denn ganz verschwinden werden sie nie, sie sind Teil der menschlichen Veranlagung. Wir können sie also nur Stück für Stück reduzieren. Aber die Marschrichtung ist vorgegeben: Nur wenn wir klar sehen, werden wir frei in unseren Entscheidungen. Erst dann führen unsere Handlungen nicht mehr zu Leid, sondern zu Glück und Zufriedenheit. In diesem Sinne: Viel Spaß beim üben, es lohnt sich!

 

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© Christine Zednik

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