Drücken bis es kracht

Korrekturen oder "adjustments" gehören zum Yogaunterricht dazu. Welche Korrekturform ein Yogalehrer für seine Schüler wählt, hängt nicht nur von seinen eigenen Erfahrungen ab. In den vielfältigen Traditionen und Stilen gibt es unterschiedliche Handhabungen. Die eigene Vorgangsweise immer wieder zu prüfen ist dem Wohl des Yogaschülers zuträglich. Ein Plädoyer für Gewaltfreiheit im Yogaunterricht von Yogalehrerin Andrea Euler.

 

Neulich auf der Kölner Fibo, der größten internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness & Gesundheit. Interessiert schlendern meine Yogakollegin Silke und ich umher. Wir möchten schauen, was es im Bereich Fitness, Wellness und Gesundheit zu entdecken gibt. Die Branche boomt, das sieht man schon auf den Hallenplänen. Der BDY ist das erste Mal präsent, das begrüßen wir sehr. Silke wird für den BDY zwei Yogaeinheiten unterrichten, ich darf sie begleiten. Natürlich sind wir neugierig, was wir im Bereich Yoga noch finden. Vor einer Yogakasse bleiben wir stehen. Die Teilnehmer sind mittendrin. Gerade wird statisch Adho mukha śvānāsana, der Hund, der nach unten schaut, geübt. Die Lehrerin läuft umher, gibt Anweisungen, erklärt. Vor einer Teilnehmerin bleibt sie stehen. Die Beine sind durchgestreckt, dafür ist der Rücken rund. Während sie weitere Anweisungen zum Atem gibt, legt sie der Teilnehmerin beide Hände auf den Rücken. Schwungvoll versucht sie ihn zu begradigen. Das Gesicht der Teilnehmerin können wir nicht sehen, ihr „Aua“ aber hören. „Die Wirbelsäule sollte gerade sein“, spricht die Yogalehrin in ihr Headset. In diesem Punkt hat sie Recht. In meinem Kopf tauchen Erinnerungen auf…

 

…..der Übungsraum des Ersten Karatevereins Wiesbaden. Irgendein Dienstag-Abend 1994. Verzweifelt versuche ich, meine Knie im Schneidersitz den Boden berühren zu lassen. Ich drücke sie mit den Händen herunter, aber es tut ganz schön weh. Ich schwitze. Mein Karatelehrer macht die Runde durch die Gruppe, wir sitzen im Kreis. Bei mir angekommen, stellt er sich hinter mich, drückt die Knie nach unten. Der Schmerz ist unerträglich, obwohl ich in jeden Dienstag erlebe. Ich schnappe nach Luft, schwitze noch mehr. „An deiner Dehnbarkeit müssen wir noch arbeiten, aber das wird schon“, muntert er mich auf. Den Druck, der sich unweigerlich in mir aufbaut, versuche ich zu ignorieren. Ich schaue die Braun- und Schwarzgurte an – mussten sie auch so leiden? Wie lange dauert es, bis ich dahin komme?

 

Zwei Jahre später schmiss ich das Handtuch. Mein Körper war nicht in der Lage, sich annähernd so zu verbiegen, wie ich das wollte. Meine „Unbeweglichkeit“ war mir oft peinlich – wie schon all die Jahre zuvor im Turnen, Jazztanz, Aerobic, Showtanz und was ich noch so alles ausprobierte. Meine Lehrer/innen kommentierten das entweder gar nicht oder versuchten mit „helfenden“ Händen mich in die Dehnbarkeit zu drücken. Es tat immer weh. Ich müsse einfach fleißig üben, hieß es. Am besten täglich. Genau das tat ich viele Jahre, aber außer ein paar Millimeter, die ich manchmal gewann, manchmal verlor, tat sich nichts. Dass zwei Unfälle mein Körper bereits verändert hatten und mir, so wie jedem anderen Mensch auch, eine individuelle Dehnbarkeit eigen ist, wusste ich nicht und meine Lehrer/innen scheinbar auch nicht. In all diesen Jahren war für mich bedauerlicherweise Bewegung ein Pflichtprogramm und keine Freude, geschweige denn Genuss. Und dann lernte ich Yoga kennen.

 

Der erste Kontakt mit Yoga war an einem Präventionswochenende der Krankenkasse an der Nordsee. Auf dem Programm standen Nordic-Walking als Bewegungsbaustein und Yoga als Entspannungsübungen. Die Rishikesh-Reihe empfand ich als anstrengend, aber irgendetwas stupste es in mir an. Zuhause meldete ich mich bei der VHS an. Meine Lehrerin lehrte in der Tradition nach Krishnamacharya und Desikachar. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber es war für mich eine Offenbarung. Zum ersten Mal in meinen Leben durfte ich mich so bewegen, wie ich konnte. Es gab kein Muss. Korrigiert wurde durch Vorzeigen, Hände nur sanft aufgelegt, um den Körperbereich zu spüren. Endlich war ich angekommen. Die Jahre des Übens zeigten ihre Wirkung. Verspannungen lösten sich, auch im Kopf. Der Wunsch nach mehr Wissen reifte, selbst zu unterrichten war jedoch kein Thema. Ich meldete mich zu einer Ausbildung an.

 

Das Yoga verändert, berichtet jeder, der den Weg beschreitet. So kam es, dass ich mittlerweile doch unterrichte. Es macht viel Freude. In all meinen Kursen sind die wenigsten Menschen beschwerdefrei und von Kopf bis Fuß beweglich. Jeder bringt etwas mit. Deshalb frage ich Einsteiger zu Beginn unter vier Augen unter anderem nach der körperlichen Befindlichkeit. Dazu gehört für mich alles: von Krankheitsbilder- oder geschichten bis zur Beweglichkeit des Bewegungsapparates, Bedürfnisse und Wünsche. Viele möchten Schmerzen verringern oder verlieren. Häufig geht es um den Rücken oder um den Schulter-Nacken-Bereich. Manche äußern konkret den Wunsch, beweglicher zu werden. „Ich bin so steif geworden“ höre ich oft. Die Aufklärung zum Thema „Wie gehe ich während dem Üben mit mir um“ beinhaltete unter anderem Dehnen und gehört für mich mittlerweile in die erste Stunde bzw. in das Erstgespräch. In fortgeschrittenen Kursen greife ich das Thema Niyama mit allen Inhalten detaillierter auf.

 

Wie Yoga verändert ist sicherlich individuell und einzigartig. Hat man die Schatzkiste Yoga erstmal geöffnet, offenbart sich ein Reichtum und eine Vielfalt an Wissen, Literatur, Stile, Traditionen, Empfehlungen, Erfahrungen und vieles mehr. Nicht umsonst ist der Yoga ein Lebensweg oder besser: eine Weisheitslehre, mit welcher man sich ein ganzes Leben beschäftigen kann. In der Yogalehrausbildung lernt der wissbegierige Schüler schnell, das die Āsanas im Yogaweg „nur“ die dritte Stufe ausmachen und das Erstrebenswerte Samādhi ist: die vollkommene Erkenntnis, die Freiheit bringt. Natürlich wird weiter auf der Matte fleißig geübt. Wissen wir doch alle um den nachgewiesenen großen gesundheitlichen Mehrwert der Yogaübungen. Gleichwohl ist der Fokus für viele durch die Ausbildung ein anderer. Gerade der unterrichtende Lehrer muss jedoch das gesunde Üben des Schülers im Auge behalten. Gesundes Üben bedeutet gleichermaßen richtiges Korrigieren.

 

„ Die meisten Menschen brauchen mehr Möbilität, aber keine größere Flexibilität, um ihre Bewegung zu verbessern. In anderen Worten, sie brauchen kein größeres Ausmaß an Bewegung, sondern eine bessere Qualität und Kontrolle auch im Endbereich der Bewegung, über den sie schon verfügen.“[1] In der Fachliteratur finden sich lesenswerte Artikel, die die eigenen Kenntnisse auf den neusten Stand bringen. Dies ist eine Möglichkeit (von vielen) für Yogalehrer immer wieder in den Prozess der Reflexion zu kommen. Nach Patanjali im Yoga Sutra 2.1. nicht nur für das Unterrichten, sondern auch für das eigene Üben unerlässlich: „Unsere Yogapraxis muss drei Qualitäten vereinen: Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen.“[2] Selbstverständlich ist hier nicht allein das körperliche Üben gemeint. Im Gegenteil. Jedoch finden die meisten interessierten Schüler erstmal über die körperliche Bewegung zum Yoga. Was sich daraus entwickelt hängt individuell vom Schüler und von der Unterrichtsgestaltung des Lehrers ab. Was im Yoga Sutra 2.1 für mich stimmt, ist in diesem Fall eins zu eins übertragbar auf meine Schüler. Dabei geht es aber nicht um meine Klärung, meine Selbstreflexion und meine Akzeptanz oder meine Erfahrungen damit. Es geht darum, den Schülern ihren Weg zu zeigen. Genauso, wie Yogalehrerhände nicht einen fremden Körper in eine Haltung drücken dürfen, sondern die Schüler anhand ihrer Möglichkeiten herausfinden, wie Bewegung in welchem Maße gut tut. Desikachar schreibt in Yoga - Tradition und Erfahrung: „Viel wichtiger als (diese) Äußerlichkeiten ist aber die Art und Weise, wie wir unsere Körperhaltung und unseren Atem von innen her fühlen.“[3] Wer schon einmal mit Schmerzen Yoga geübt hat, oder schmerzhaft in eine Haltung hinein korrigiert wurde, weiß, dass sich so der Yoga nicht entfalten kann. Weder im Körper, geschweige denn im Atem oder im Geist. Möchte ein Yogalehrer seinen Schülern diese Option aber bieten, sollte er sich stets daran erinnern, dass sich die Individualität eines Menschen auch in dem Ausmaß seiner körperlichen Beweglichkeit ausdrückt.

 

Andrea Euler, Heilpraktikerin, Yogalehrerin BDY/EYU unterrichtet in der Tradition nach Śri T. Krishnamacharya und Śri T.K.V. Desikachar und ist Yogalehrerin des Yogawegs nach Śri R.Sriram. www.lebe-im-lot.de

 

 

[1] Viveka, Hefte für Yoga, Nummer 55, Viveka Verlag

[2] T.K.V. Desikachar, Über Freiheit und Meditation, Das Yoga Sutra des Patanjali, Verlag Via Nova, 4. Auflage 2009

[3] T.K.V. Desikachar, Yoga Tradition und Erfahrung, Verlag Via Nova, 4. Auflage 2009

 

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© Christine Zednik

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